Die stets präsenten Mechaniker des Volkswagen Classic Teams, Klaus-Dieter Ulrich und Michael Winkler, haben den Wolfsburger Klassiker wieder cremeweiß bekommen und die Königsklasse der Classic Car Challenge China vorbereitet.
Staubige und mit tiefen Schlaglöchern übersäte Straßen konnten dem Käfer bisher nichts anhaben. Das echtes Abenteuer kommt erst jetzt: die Fahrt durch das ländliche China.
Text: Alexander Voigt
Erst am späten Abend, die Sonne ist seit vier Stunden untergegangen, erreicht die Karawane der rund 40 Rallyeteilnehmer wieder die Errungenschaften europäischen Standards. Fast 600 Kilometer ging es von Tianjin aus Richtung Süden der Küste des Gelben Meeres entgegen. Über die Hälfte davon führten das rollende Museum durch den ländlichen Nordosten des Reiches der Mitte. Da passt es gut, dass ein Chinese das Steuer des Theo Decker übernommen hat.
Shen Sie hier Impressionen von der 4C Rallye.
Xulong Wan ist einer der bekannten Automobiljournalisten des Landes und erreicht mit seinem Magazin „Topdriver“ Auflagenzahlen, von denen in Europa noch nicht einmal geträumt werden kann. Geboren an der Quelle des Gelben Flusses ist es für ihn eine besondere Ehre, den weißen Flitzer über die Brücke an die Mündung dieses großen chinesischen Stromes steuern zu können. Auch das Fahren in absoluter Dunkelheit in der Provinz ist er aus seiner Heimatregion gewöhnt. Zweimal im Jahr verlässt er das niemals schlafende und stets im Licht der Leuchtreklamen glitzernde Shanghai, um seine Eltern im Nordwesten des Landes zu besuchen: 2500 Kilometer entfernt. Ihn überraschen daher keine vollkommen unbeleuchteten Fahrräder oder gar Lastwagen auf ihrem Weg in die nächste Kleinstadt.
Auf den letzten Kilometern des Tages beginnt ein 1984er Porsche 911 Carrera um den weißen Wolfsburger herumzutänzeln. Am Steuer des 911 aus der Sammlung des Porsche-Museums sitzt an diesem Tag sitzt noch Jacky Ickx, von Jugendbeinen an einer der flexibelsten Rennfahrer: Werksfahrer auf zwei Rädern bei Zündapp, Formel 1, einer der erfolgreichsten Fahrer der 24 Stunden von Le Mans und über zehn Teilnahmen bei der Rallye Paris-Dakar stehen in seinen Analen. Seit dem ersten Tag hat er sich über das Fahrvermögen des kleinen Käfers gewundert. Er kann es kaum erwarten, mit ihm chinesische Straßen unter die Räder nehmen zu können.
Die nächste Etappe der „Classic Cars Challenge China“ (4C) beginnt im Olympischen Wettkampfhafen Qingdaos an der Nordostküste Chinas. Als das Olympische Feuer 2008 in Peking loderte, wurden hier unter anderem die Segelwettkämpfe ausgetragen. Von 1898 bis 1914 gehörte Tsingtao als Kolonialstützpunt zum Deutschen Reich. Das berühmte gleichnamige Bier wurde hier erstmals 1903 gebraut und ist dank des deutschen Reinheitsgebotes bis heute das Beste der gesamten Volksrepublik.
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Vor dieser Kulisse einer modernen Großstadt mit Tradition übernahm Rennfahrerlegende Jacky Ickx das Steuer des cremeweißen Theo-Decker-Käfers aus Wolfsburg. Mehr als tausend Kilometer entfernt möchte ihn seine Frau wieder gesund in ihre Arme schließen. Da heißt es Gas geben und die 135 PS lassen das auch zu: „Der Käfer, den ich auf der 4C fahre, ist mehr als 40 Jahre alt. Der Motor wurde modifiziert und er ist ein richtiges Spielzeug des Teufels. Es macht richtig Spaß, ihn auf den chinesischen Straßen zu fahren“, äußert „Jacky“ bereits nach einem Tag seine Begeisterung. „Ich kann kaum die restlichen drei Tage erwarten. Ich hätte nicht gedacht, daß es ein solches Vergnügen sein würde“. Dann erliegt Ickx dem Zauber des Wolfsburger Flitzers aus dem Jahr 1972: „Man darf nicht vergessen, daß wir mit einer älteren Dame unterwegs sind, die jedoch selbst schwierigste Passagen meistert“. Deren Faszination kann sich bei einem Zwischenstopp auch ein junges Brautpaar am Strand des Gelben Meeres nicht entziehen und nutzt die Chance eines ganz besonderen Erinnerungsphotos.
Weiter geht es Richtung Süden. Während sich draußen die Landschaft verändert, erinnert sich Ickx an seine ersten Ausflüge hinter dem Steuer: „Mein Vater besaß 1976 einen Golf, den ich ein paar Mal fahren durfte. Da ist es eine tolle Erfahrung, sowohl einen Klassiker wie den Käfer als auch das großartige China kennenzulernen. 150 Kilometer ging es heute die Küste entlang und dieser Abschnitt war im Prinzip eine einzige belebte und industrialisierte Großstadt. Das sind Erfahrungen, die ich jedem wünsche“, spielt Ickx auf die Vielfalt aber auch die Gegensätze des Landes an. Arm und reich, sehr alte Traditionen neben kommunistisch geprägter Tristess und hypermodernen Bauten des 21. Jahrhunderts bestimmen die Bilder, die sich den fast 40 teilnehmenden Fahrzeugen und ihren Besatzungen bieten.
Kurz vor Sonnenuntergang nähert sich der zweite Wolfsburger – ein 1974er Scirocco I TS. Einheimische Fahrer und Beifahrer können offenbar nicht nur mit dem neuen Scirocco R, der in China einen Verkaufsrekord nach dem anderen aufstellt, umgehen. Sie fahren auch mit dessen Ur-Ahn einer sehr guten Platzierung entgegen. Im Formationsflug geht es über die neue Yangtze-Brücke – der zweite große Strom des Landes mündet in einem riesigen Delta bei Nanjing und Shanghai in das Gelbe Meer. Die alte Kaiserstadt Nanjing öffnet der 4C das über 600 Jahre alte Zhonghua-Tor, das sich über unglaubliche 15.000 Quadratmeter erstreckt und bereitet den Rallyeteilnehmern einen fürstlichen Empfang. Wahre Volksmassen umlagern die historischen Fahrzeuge. Es sind die jungen Chinesen, die der Faszination der Ur-Ahnen ihrer aktuellen Modelle erliegen. Der Führerschein wird in der Regel mit Mitte zwanzig abgelegt. Das erste Auto, immer noch häufig das erste der gesamten Familie überhaupt, steht durchschnittlich mit Mitte dreißig vor der neuen Wohnung im modernen Osten des Reiches der Mitte. Da ist es kein Wunder, daß die Entwicklung einer Kultur klassischer Fahrzeuge am Anfang steht.
Am Ende des vorletzten Rallye-Tages, der Tross ist nach einigen Ausfällen auf unter dreißig Fahrzeuge geschrumpft, macht ein Gerücht seine Runde. Der gelbe Scirocco aus der Sammlung von Volkswagen Classic liegt vor der letzten Prüfung mit einem deutlichen Vorsprung auf dem ersten Platz. Und so kommt es auf dem letzten Stück der diesjährigen „Classic Cars Challenge China“ zu einer echten Triumphfahrt deutsch-chinesischer Zusammenarbeit. Zwischen der Seidenstadt Hangzhou und Shanghai lenken jungen Chinesen deutsche Technik auf die ersten Plätze aller Wertungen.
Vor dem neuen Automobilmuseum der Metropole am Gelben Meer bekommen alle 22 nach über 2000 Kilometern noch rollenden Klassiker einen umjubelten Empfang. Drei Old- sowie Youngtimer der Marke BMW, ein 1972er 2002, ein 315er (E21) und ein 325i (E30), die aus privaten Sammlungen in der Volksrepublik stammen, gewinnen die Teamwertung der 4C. Dann wird dem gelben Osnabrücker ein gebührender Empfang bereitet. Luo Hao und Zhou Hang lassen den Scirocco I vor der Bühne ausrollen. Eine chinesische Flagge ist schnell zur Hand und schmückt die Windschutzscheibe. So gewinnt 2013 in China selbst im Klassikbereich ein deutsch-chinesisches Joint-Venture.
Markus Nels, Leiter des Sportwagenprojektes der Volkswagengruppe in China, zeigt sich begeistert: „Erneut konnten wir Millionen von Menschen, die Faszination deutscher Technik sowie der europäischen Sportwagenkultur näherbringen“. Das Interesse der Chinesen entlang der Strecke gibt ihm Recht und natürlich dürfte es 2014 eine vierte “4C“ geben.

